"Linksgrünversifft“? Marietta Slomka kommentiert Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk

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15.01.2026 um 11:15 Uhr
    TV-Moderatorin Mariette Slomka | © ZDF
    TV-Moderatorin Mariette Slomka im Nachrichtenstudio des ZDF auf dem Mainzer Lerchenberg | ©ZDF

    Exklusiv: Seit 25 Jahren moderiert Marietta Slomka das „heute journal“. Mit HÖRZU sprach sie über denkwürdige Interviews und das Recht auf harte Fragen.

    Am 29. Januar feiert sie ein beeindruckendes Jubiläum: Ein Vierteljahrhundert lang präsentiert Marietta Slomka dann schon das ZDF-„heute journal“. Beim Debüt als „Anchorwoman“ war die gelernte Journalistin, die Volkswirtschaft und Internationale Politik studiert hat und schon als Hauptstadtkorrespondentin fürs Zweite arbeitete, gerade mal 31 Jahre alt – ein Ritterschlag, der sonst nur „Männern an einem fortgeschritteneren Zeitpunkt ihrer Karriere“ zuteilwird, wie sie sagt.

    Ihr Markenzeichen sind entlarvende Interviews, in denen sie Politiker aller Parteien in die Zange nimmt. Exklusiv in HÖRZU blickt die preisgekrönte Journalistin zurück auf ihre ungewöhnliche Laufbahn, aber auch nach vorne in die Zukunft der TV-Nachrichten.

    HÖRZU: Marietta Slomka, in 25 Jahren haben Sie unzählige Politiker ins Schwitzen gebracht. Erinnern Sie sich noch, wann Sie selbst zuletzt ins Schwitzen geraten sind - vor laufender Kamera?

    Marietta Slomka: Ehrlich gesagt nicht. Ins Schwitzen gebracht heißt ja, dass man verlegen ist oder eine sehr unangenehme Situation erlebt und nicht weiß, wie man sie handhaben soll. Dass ich sehr betroffen war oder angestrengt oder gestresst - klar … Aber so richtig ins Schwitzen gebracht? Da fällt mir auf Anhieb keine Situation ein, zumindest nicht aus letzter Zeit.

    Ein kurzer Rückblick auf 25 Jahre: Was war Ihr bisher unvergesslichstes Interview?

    Da gab’s natürlich einige … Bei Netzrecherchen ploppt immer sofort mein Gespräch mit Sigmar Gabriel aus dem Jahr 2013 auf, das etwas eskalierte. Er sagte „Lassen Sie uns den Quatsch beenden“ und warf mir vor, dass ich besonders hart zu SPD-Politikern wäre. Da bezog er sich wohl auf ein Interview mit Peer Steinbrück nach dessem Mittelfinger-Cover in der „Süddeutschen Zeitung“, als ich ihn 2012 gefragt hatte, was das denn nun solle. Interessant ist ja, dass mir und anderen öffentlich-rechtlichen Kollegen heute eher vorgeworfen wird, links zu sein. Da würde ich manchmal gerne sagen: können wir diesen Quatsch bitte beenden? Auch mein Gespräch mit dem FDP-Spitzenkandidat aus Thüringen 2020, Thomas Kemmerich, der sich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ, zählt gewiss dazu. Diese Interviews haben alle gemeinsam, dass sie in dramatischen politischen Situationen stattfanden. Situationen, in denen ein News-Wert auch dadurch generiert wurde, dass sich Politiker zu Äußerungen hinreißen lassen, die manchmal neue politische Wendungen einleiten.

    Wie erinnern Sie die Geburtsstunde des Begriffs „geslomkat werden“?

    „Geslomkat werden“ entstand nach einem Interview mit Christian Lindner, nachdem er 2017 die Jamaika-Koalitionsverhandlungen hingeschmissen hatte. Damals wurde der plötzliche Abbruch von Gesprächen im politischen Berlin mit dem Begriff „gelindnert werden“ bezeichnet. Und wenig später, nach einem Interview mit mir, wo ich ihn zu diesem Vorgang kritisch befragt hatte, hieß es auf einmal: Jetzt wurde Lindner „geslomkat.“

    Stichwort Fake News und Lügenpresse-Vorwürfe: Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen Zuschauer Parteilichkeit unterstellen?

    Zunächst mal ist das nicht gänzlich neu. Wenn ich bei politischen Interviews den „gegnerischen Hut“ aufsetze, was ich eigentlich immer mache, das entspricht ja meiner Rolle, gibt’s gern auch mal Beschwerden. Befrage ich etwa Vertreter der SPD kritisch, ärgert das manche, die sich mit den Sozialdemokraten sehr verbunden fühlen. Befrage ich am nächsten Tag CDU- oder FDP-Vertreter kritisch, kann man sich ziemlich sicher sein, dass es auch von dieser Seite in irgendeiner Form Kritik gibt - nach dem Motto, da wäre doch wohl ein Interviewpartner von einer Journalistin mit linksgrünen Sympathien angegangen worden. Neu ist, dass systematisch behauptet wird, wir, also der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk, wäre parteilich. Dabei fallen auch üble Begriffe wie „linksgrünversifft“. Diese Vorwürfe kommen aus einem ganz bestimmten, sehr radikalen Spektrum und werden natürlich immer und immer wieder erhoben, um uns zu diskreditieren und die Glaubwürdigkeit zu nehmen - was bisher zum Glück noch nicht gelingt. Aber dieses Gift, das da einträufelt, das ist natürlich schon zu spüren. Es fühlt sich an wie eine permanente Kampagne. Diese Behauptung, wir seien Lügenpresse und würden Fakten verdrehen, nur, um dann anschließend selber permanent Fakten zu verdrehen - das ist eben die Art, wie das funktioniert. Wir können in den USA beobachten, wie gut das funktioniert.  

     

    Marietta Slomka im Januar 2001 bei einem ihrer ersten Auftritte im „heute journal“. | ©Imago

    Wie lässt sich dem entgegensteuern?

    Das ist eine Herausforderung. Wir sollten nicht über jedes Stöckchen springen, das man uns hinhält. Wir können natürlich darüber diskutieren, wie viel Klimaschutz wir brauchen. Aber wir können nicht darüber diskutieren, ob es den Klimawandel überhaupt gibt oder ob die Erde nicht vielleicht doch eine Scheibe ist. Leider sind wir momentan an einem Punkt, an dem wir teils wieder anfangen, bei Adam und Eva zu beginnen und Fakten zu debattieren, die doch eigentlich jedem, unabhängig von der politischen Meinung her, klar sein sollten. Sollen wir ernsthaft darüber diskutieren, ob eins und eins wirklich zwei sind - oder ob das Ergebnis nicht vielleicht auch irgendwas um die drei sein könnte? Erinnern Sie sich an Kellyanne Conway, Trumps Wahlkampfmanagerin aus seiner ersten Amtszeit, als er behauptete, wie viele Leute bei seiner Amtseinführung gewesen wären? Das war offenkundig nicht richtig und auch mit Fotos dokumentiert. Und sie sagte: „Ich habe aber alternative Fakten.“ Das war für mich der Beginn einer neuen Ära. Mit solch alternativen Fakten agiert auch die russische Propaganda. Nach dem Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Nawalny zum Beispiel gab es in Deutschland Stimmen, die sagten, naja, das ist ja überhaupt nicht bewiesen, dass der Kreml dahintersteckt. Ich habe auch schon Zuschauerpost bekommen, da wurde bezweifelt, dass die Gräueltaten in der ukrainischen Stadt Butscha wirklich von Russen verübt wurden – oder ob die Menschen nicht vielleicht „einfach von Ukrainern da hin hingelegt“ worden seien. Da fasse ich mir an den Kopf. Spätestens wenn wir irgendwann bei der Frage landen, ob der Holocaust eigentlich wirklich stattgefunden hat, verliere ich endgültig die Geduld.

    Putin hat „Correctiv“ im eigenen Land verboten …

    Das wundert mich nicht. Der hat ja quasi alles verboten, was nach freier Presse aussieht. Man kann verbieten oder ins Gefängnis stecken oder gar ermorden lassen, das ist dann das, was zum Beispiel in Russland geschieht. Oder man kann mit wirtschaftlichem Druck Pressefreiheit einschränken, das ist ein bisschen subtiler. Sei es, dass Freunde eines Machthabers sich Zeitungen kaufen oder Fernsehsender, sei es, dass man auf Medien Druck ausübt über Werbung, die in unliebsamen Zeitungen nicht mehr geschaltet wird. Diese Methode ließ sich in Ungarn gut beobachten. Die Möglichkeiten, Pressefreiheit zu beschränken, sind also vielfältig. Und sie kommen keineswegs nur von Regierungen. Dass wir inzwischen für unsere normalen Landesstudioreporter Security brauchen, wenn sie zu Veranstaltung im politisch rechten Milieu gehen - das habe ich mir vor zehn Jahren nicht träumen lassen in unserem Land. Auch das hat etwas mit Einschränkung von Pressefreiheit zu tun. Genau wie Morddrohungen oder Shitstorms gegen einzelne Journalisten, die damit eingeschüchtert werden sollen. Und wir erleben organisierte Desinformations-Kampagnen, das ging los mit der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass 2014 - also seit Beginn der russischen Kriege gegen die Ukraine. In den Kommentarspalten, die es damals in den Online-Formaten noch gab, massierten sich die Beschwerden, wie unausgewogen und einseitig antirussisch wir berichten würden. Ich fand das damals bereits merkwürdig, eine scheinbar so starke Anteilnahme der Bevölkerung an einem Konflikt, der für viele damals noch weit weg war. Das war ungewöhnlich. Ein Kollege sagte damals: „Ich glaube, das ist organisiert.“ Wir konnten uns das damals aber noch gar nicht recht vorstellen, wir waren einfach noch nicht an dem Punkt, so etwas zu erkennen. Aber dann kamen die Enthüllungen über die Petersburger Trollfabrik, wo russische Studenten mit Deutschkenntnissen dafür bezahlt wurden, dass sie in deutschen Medien diese Kommentarspalten füllen. Mit solchen Methoden haben wir es bis heute stark zu tun und das besorgt mich.

    Sie haben gesagt, vor zehn Jahren konnten Sie sich das noch gar nicht vorstellen - aber jeder erinnert sich wohl noch gut an Alexander Gaulands gegen Merkel gerichtete Drohung „Wir werden sie jagen …“

    Genau, man kann sagen, ab 2014, 2015 ging das los. Einerseits die Annexion der Krim und der Beginn des russischen, hybriden Kriegs gegen den Westen, andererseits der Aufstieg der AfD mit der Flüchtlingswelle aus Syrien. Das ereignete sich beides in einer Zeitphase. Und seitdem haben sich auch Tonlage und Umgangsformen geändert, auch gegenüber Journalisten. Ich erinnere mich, wie Alice Weidel 2017 aus einer Wahlsendung rauslief, als es um Renten und Soziales gehen sollte, und ihr Sprecher hatte dann innerhalb von Sekunden ein Facebook-Posting parat, das mich attackierte mit den Worten: „Wir machen dich arbeitslos, Mäuschen.“ In dem Stil ist auch Trump unterwegs, der kürzlich eine Journalistin, die ihm eine kritische Frage bei einer Pressekonferenz stellte, anherrschte: „Quiet, Piggy“ - „Schweig, Schweinchen“. Auf diesem Niveau sind wir inzwischen angekommen und diese laufende Verrohung macht natürlich auch etwas mit der Öffentlichkeit.

    Ist es vor diesem Hintergrund umso wichtiger, eine starke, verlässliche Bank im Nachrichtengeschäft zu sein?

    Das wollen wir sein, ja. In den USA gibt es keinen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und schauen Sie nur mal, wie ein Verleger wie Jeff Bezos sich sofort Trump unterworfen und seinen Chefredakteuren die bis dahin immer übliche Wahlempfehlung verboten hat. Es hat eben nicht nur Vorteile, wenn Journalismus nur eines von vielen Geschäften in der Hand eines Milliardärs ist. Die Haushaltsabgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finden viele ärgerlich. Das kann ich verstehen. Anders als bei vielen anderen öffentlichen Gütern kann eben jeder genau sehen, wieviel er persönlich dafür zahlt. Und da sagen dann manche, „für den Mist will ich keine 18 Euro ausgeben“. Würden wir aus dem allgemeinen Steuersack finanziert, wäre das nicht so ersichtlich. Aber dann würde eine Regierung darüber bestimmen, wieviel die Sender bekommen. Sie müssten zu einem Minister gehen und um ein Budget bitten. Genau das soll vermieden werden, weil es den jeweils Regierenden eine Macht über die Sender geben würde, die sie nicht haben sollen. Deshalb gibt es stattdessen eine unabhängige Kommission, die den Finanzbedarf von ARD und ZDF ermittelt. Das wurde bei der Gründung in der Nachkriegszeit sehr bewusst so gemacht, und ich glaube, dass das auch klug gedacht war.

    Welchen Stellenwert hat das „heute journal“ angesichts der ganzen, angesprochenen Gemengelage?

    Wir haben mit dem „heute journal“ immer noch so eine Art Lagerfeuer-Sendung – also in dem Sinne, dass bei unserem Magazin sehr viele und sehr unterschiedliche Bereiche der Bevölkerung zuschauen - quer durch alle Bildungs- und auch Altersschichten. Es stimmt zwar, dass unser Hauptpublikum ein älteres ist, wir sind kein Jugendmagazin. Aber die Bevölkerung besteht auch nicht überwiegend aus 20-Jährigen. Wir haben im Schnitt 3,5 bis 4 Millionen Zuschauer pro Ausgabe – und an besonderen Tagen, etwa bei Großereignissen, noch viel mehr. In den USA kennt man das gar nicht: Nachrichtensendungen mit so vielen und so politisch unterschiedlich denkenden Zuschauern. Als ich dort zur letzten Präsidentschaftswahl eine Reportage gedreht habe und in Philadelphia ein Interview mit einer Bäckerin führte, fragte sie mich als Erstes: „What side are you from?“ - für wen mein Sender stehen würde? Ich antwortete: „Wir sind öffentlich-rechtliches Fernsehen aus Deutschland – und somit überparteilich“. Daraufhin erntete ich einen fassungslosen Blick, weil sich in den USA die meisten nur noch in ihren Bubbles bewegen, auch beim Fernsehen. Ob man Fox News schaut oder CNN ist ein politisches Statement. Ich glaube, dass das für eine Gesellschaft gefährlich ist. Das es ihr vielmehr gut tut, wenn ein diverses Publikum gemeinsam Sendungen wie die Tagesschau oder das heute-journal anschaut, weil es dann wenigstens immer noch eine Form von gemeinsamer Faktenlage gibt. Welche Schlüsse Zuschauer daraus für sich jeweils ziehen, steht auf einem anderen Blatt.

    In Ihrer Sendung „Wie geht’s, Deutschland?“ verließ Alice Weidel das Fernsehstudio 2017 völlig überraschend. Haben Sie sie seitdem nochmal interviewt?

    Nein, seit dieser Sendung hat sich das nicht mehr ergeben, weil wir im „heute journal“ in erster Linie Entscheidungsträger befragen, wie Ministerpräsidenten oder Regierungsmitglieder. Typischerweise ist unser kurzer Schlagabtausch sehr auf diejenigen konzentriert, die gerade akutes Regierungshandeln zu verantworten haben.

    Aber wäre ein Interview mit Alice Weidel nicht reizvoll? Schließlich gelten Sie als Journalistin, die ihre Interviewpartner – Stichwort: Hard Talk – hartnäckig in die Mangel nimmt.

    Populismus ist für kurze Live-Interviews nur mäßig geeignet - weil man trotz bester Vorbereitung kaum hinterher kommt, wilde Behauptungen zu widerlegen. Und oft driftet es dann auch noch in Attacken gegen die Interviewer ab, was auch keine Erkenntnisse liefert. Dafür aber knackige Schnipsel für Tik-Tok-Accounts. Populisten sind sehr gut darin, Social Media zu bespielen. Das ist auch ein Dilemma für die etablierte Politik, weil sie diese Art von Emotionalisierung, die Clickbaiting auslöst, so nicht machen kann. Soll sich zum Beispiel Herr Klingbeil hinstellen wie Maximilian Krah von der AfD und Jungs Tipps geben, wie sie an Mädchen rankommen und wie ein „echter Mann" sich zu verhalten hat? Klar klickt sowas. Aber möchte man sich das von einem Finanzminister vorstellen? Das gleiche Problem haben seriöse Medien auch.

    Bleibt nur eine Frage: Welches Mainzelmännchen ist Ihr Liebling?

    (lacht): Det finde ich süß. Das ist der mit der Brille.