„Warum den ‚Polizeiruf‘ opfern?“ – Anneke Kim Sarnau übt scharfe Kritik an der ARD

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23.10.2026 um 10:00 Uhr
    Drei Frauen blicken ernst in die Kamera; hinter ihnen leuchten rote Wände, Hängelampen und breite schwarze Ledersessel. | © NDR/Boris Laewen
    Polizeiruf 110: Sie haben Namen: Lina Beckmann, Anastasiia Mazhara, Anneke Kim Sarnau (v. l. n. r.) | ©NDR/Boris Laewen

    „Wenn man jeden Tag Filet frisst, dann hat man einfach zwischendurch Bock auf Junkfood.“ So spricht ein Freier über eine Prostituierte im neuen Rostocker „Polizeiruf 110“. Laut Drehbuchautor Florian Oeller beruhen die Aussagen auf Beiträgen aus realen Freierforen – nur eine Spur von Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) bei der Suche nach dem Mörder einer jungen Prostituierten. HÖRZU traf Anneke Kim Sarnau zum Gespräch über einen Film, der an die Nieren geht.

    Anneke Kim Sarnau, was hat Sie beim Lesen des Drehbuchs zu „Sie haben Namen“ am meisten beeindruckt?

    Dass das Ausbeuten von Frauen ein brutaler und massivst lukrativer Wirtschaftszweig ist und von Seiten der Exekutive sowie der Legislative da kaum wer hinterherkommt. Und dann die Herausforderung, dass so ein Thema am Sonntagabend nicht verheizt wird, nicht reißerisch daherkommt. Sondern dass es etwas Reales, Berührendes hat, ohne dass die Leute denken: Na gut, dann schalte ich jetzt mal um.

    Besonders verstörend ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Freier im Film über Frauen sprechen. Laut Autor beruhen diese Passagen auf Beiträgen aus Freierforen …

    Das ist Horror. Was passiert im Gehirn dieser Menschen, dass sie eine gewisse Grundmoral und Ethik einfach abschalten? Dass sie Frauen als Ding sehen? Der Umgang ist so herablassend – die Frauen werden regelrecht entmenschlicht.

    Hat die Arbeit an dem Film Ihren Blick auf die Debatte über selbstbestimmte Sexarbeit und Zwangsprostitution verändert?

    Ja – wobei ich das Thema weiterhin kompliziert finde. Nichtsdestotrotz denke ich, dass nur ein sehr geringer Anteil der Frauen das freiwillig macht, seriös geschützt ist und das Einkommen selbst behält. Der Eisberg und das, was darunter ist, sind gigantisch. Das muss europaweit ganz anders thematisiert werden: als massive Kriminalität. Eigentlich als langsamer Mord. Denn das ist Seelenmord. Und das muss europaweit viel stärker bekämpft werden.

    Wie oft passiert es Ihnen eigentlich, dass Zuschauer sagen: „Ich habe Sie gestern im ‚Tatort‘ gesehen“? Und korrigieren Sie die Leute dann?

    Ja, ab und zu sage ich dann: im „Polizeiruf“. Ich finde, das ist ein Unterschied, und es ist wichtig, das zu betonen, weil der „Polizeiruf“ der Krimi aus der ehemaligen DDR war und ist. Er wurde im Zuge der Wiedervereinigung zu den Sonntagabendkrimis dazu genommen – und das hat eine Bedeutung. Es zeigt auch etwas über die künstlerischen Möglichkeiten in Ost und West und über deren Gleichberechtigung. Ich finde es toll, dass es ihn noch gibt.

    Der „Polizeiruf“ wird gern als kleiner Bruder des „Tatorts“ bezeichnet. Fühlen Sie sich von der ARD auch so behandelt? Oder gibt Ihnen die kleinere Marke mehr inhaltliche Freiheit?

    Auf einer Ebene haben wir uns die Freiheit genommen – vielleicht gerade dadurch, dass wir auf einer Ebene oder in einer Instanz nicht so ernst genommen wurden. Man muss aber auch betonen, dass wir mit einem anderen Konzept angefangen haben. Wir waren das erste Krimiformat am Sonntagabend, das mit einer horizontalen Erzählung begonnen hat. Das heißt: Es gibt Geschichten der Kommissarinnen und Kommissare, die im Hintergrund laufen, in den jeweiligen Fall hineinwirken, die Figuren berühren, etwas mit ihnen machen. Das war natürlich eine großartige Chance.

    Aber im Lauf der Zeit wurden die Filme so weit auseinandergezogen, dass das ad absurdum geführt wurde. Es bringt ja nichts, wenn man in jedem Film, der ein Jahr später gezeigt wird, wiederholen muss: Ach ja, das war übrigens da und da. Also ist immer weniger Horizontale übrig geblieben und es sind immer mehr eigenständige Geschichten geworden – weil der Zeitraum zwischen den Filmen einfach zu groß ist. Wenn wir jetzt ein Interview zu einem Film führen, den wir vor zwei Jahren gedreht haben – das ist Perlen vor die Säue. Das finde ich schade.

    Auch als Zuschauer fällt es schwer, sich an die Beziehungen der Figuren und die horizontalen Erzählstränge zu erinnern, wenn zwischen den Folgen so viel Zeit vergeht. Würden Sie sofort einen weiteren Rostocker Fall drehen, wenn die ARD Ihnen das anböte?

    Nur, wenn es auch zusätzliche Sendeplätze gäbe. Ein Film mehr würde an der Dynamik aber sicherlich nichts ändern. Warum sollte man einen weiteren Film drehen, wenn er dann wieder auf Halde liegt? Die langen Pausen, die Sie ansprechen, sind genau ein Ausdruck davon. Ich denke aber, dass der treue Zuschauer unsere Rollen-Charaktere gut kennt und bestimmt schnell wieder drin ist.

    Spüren Sie den Spardruck auch beim Dreh?

    Beim „Polizeiruf“ sind wir ein irre eingespieltes Team. Regisseure oder Kameraleute, die neu dazukommen, können eigentlich ankommen, sich fallen lassen und sagen, was sie sich ungefähr vorgestellt haben. Und dann arbeitet das komplette Team – vom Büro über die Ausstattung bis zum Set – zu, zeigt seine Professionalität und seine Möglichkeiten und vertritt gleichzeitig dieses Produkt. Im Vergleich haben wir also noch eine ziemliche künstlerische Freiheit.

    Aber trotzdem muss man zum Beispiel auf Objektive verzichten: Wenn wir dieses Objektiv nehmen wollen, dürfen wir jenes nicht nehmen – weil es zu viel kostet. Oder wenn wir an einem Ort drehen wollen, an dem irre Parkgebühren anfallen oder die Miete zu teuer ist, müssen wir auf den Ort verzichten. Den meisten ist gar nicht klar, dass es immer Verzicht bedeutet. Innerhalb des Konstrukts, das dann steht, damit wir loslegen können, ist es immer noch eine große Freiheit. Aber allen ist bewusst, dass es weniger ist – und dass es, wenn wir Pech haben, noch weniger wird. Man muss dem Publikum immer mehr zurufen: Die Qualität, die wir euch gern geben und zeigen würden und die ihr vielleicht nur indirekt erkennt, können wir auf Dauer nicht mehr so abliefern.

    Vieles beim „Polizeiruf“ ist momentan im Umbruch. Peter Kurth und Peter Schneider hätten in Halle gern weitergemacht und der MDR lässt die Neuproduktion des Magdeburger „Polizeirufs“ drei Jahre pausieren …

    Das ist ja das Ding am Sonntagabendkrimi. Klar kann man sagen: Gott, wie viele Teams wollt ihr denn noch? Aber dieser Sonntagabend sitzt fest in der Gesellschaft. Das ist ein Pfund, mit dem man voll arbeiten kann. Und dieses Pfund gerade im Osten loszulassen, wo man den Zuschauer politisch relevant und trotzdem fiktiv mitnehmen kann, um ein bisschen den Horizont zu öffnen – und er kann dabei noch sein Käsebrot essen –, das finde ich absolut unverständlich. Damit schließt sich wieder der Kreis: Warum den „Polizeiruf“ opfern? Was soll das? Warum steht da nicht jemand auf, auch als Intendant, und sagt: Nein!

    Welche Sicherheit gibt Ihnen der NDR für die Zukunft in Rostock?

    Wir haben eine Redakteurin, die extrem für uns kämpft und sich trotz vieler Widrigkeiten für uns einsetzt.

    Zu Katrin König und ihrem Vater: Er bringt Essen aus ihrer Kindheit mit, er wartet, er sucht ihre Nähe. Wie viel von dem kleinen Mädchen, das seinen Vater vermisst, steckt noch in der erwachsenen König?

    Ich glaube, viel. Aber es ist wie in einer Zeitkapsel eingepackt. Und die wird jetzt regelmäßig angekratzt. Dann ist da noch Melly, die immer so nett ist, dass man selbst ganz weich wird. Da kommt in regelmäßigen Abständen sehr viel hoch. Katrin König bekämpft das – und erkennt gleichzeitig, dass darin eine Chance steckt, sich zu öffnen und dem Vater dadurch näherzukommen.

    Unabhängig von Ihrem eigenen Arbeitsplatz am Sonntag um 20.15 Uhr: Gibt es im deutschen Fernsehen zu viele Krimis?

    Irgendwie wird jede gute Geschichte immer in dieses Drama verpackt. Und manchmal denke ich: Muss das wirklich sein? Warum muss in den Geschichten immer jemand sterben? Aber es scheint etwas im Menschen zu sein, dass das spannend findet. Ich bin jedoch nicht der Mensch, der darauf total abfährt. Meine Mutter dagegen hat Krimis geliebt und konnte nicht genug davon gucken.

    Muss im Fernsehen also erst jemand sterben, damit wir uns für Armut, Einsamkeit oder eine kaputte Familie interessieren?

    Ja. Und ich finde: Unterschätzt doch nicht das Publikum! Denkt doch mal anders. Wenn man im Fernsehen, auf der Bühne oder in einem Buch eine Geschichte erzählt und die Menschen auf die Heldenreise der Haupt- oder Nebenfiguren mitnimmt, dann kann das kathartisch wirken. Das kann kleine Funken auslösen. Wenn es aber immer nur heißt: Ihr wisst, spätestens in vier Minuten stirbt jemand, und seid sicher, am Ende wird es aufgeklärt – dann nimmt man viele Möglichkeiten weg.

    Würden Sie gern mal 90 Minuten in einem „Polizeiruf“ ermitteln, ohne dass jemand stirbt?

    Klar, immer! Oder einen „Polizeiruf“, in dem mittendrin auf einmal gesungen wird. Irgendwas so Lars-von-Trier-Mäßiges – ohne dass die Leute denken: Ich raste gleich aus, das kann ich nicht sehen! Ulrich Tukur hat das ja schon probiert, und das ist toll. Das können trotzdem realitätsnahe Geschichten sein, die die Leute mitnehmen. Ungerechtigkeiten, soziale Missstände, menschliches Versagen – es muss ja nicht jemand sterben, damit das als Krimi gilt. Man lässt das Etikett kleben, pflanzt darunter aber ein bisschen mehr in den Nährboden als nur Petersilie.

    Könnten Sie sich einen Rostocker „Polizeiruf“ ohne Lina Beckmann vorstellen?

    Im Moment nicht.

    Wenn Sie über den Sonntagabend der ARD bestimmen dürften – was würden Sie ändern?

    In meiner idealen TV-Welt, aber weiterhin mit dem traditionellen Sonntagabendkrimi würde ich mir dann doch wieder die Möglichkeit einer Horizontalen wünschen, somit näher beieinander liegende Sendeplätze, ein Aufbrechen des Erzählrhythmus, z.B. keine Leiche nach wenigen Minuten, sondern die Zuschauer puzzeln mit, lernen verschiedene Sichtweisen /Arbeitsschritte kennen. Oft liegen Fälle ja z.B. Jahre zurück („Polizeiruf Rostock „Für Janina“). 

    „Polizeiruf 110 – Sie haben Namen“ läuft am Sonntag, 1. November 2026 um 20.15 Uhr im Ersten.